Bei meiner Recherche zur Bedeutung des Wochenbetts in verschiedenen Kulturen bin ich auf wunderschöne Begriffe gestoßen. Sie alle beschreiben auf ihre Weise, wie wichtig es ist, zusammenzuwachsen und sich körperlich wie seelisch von Schwangerschaft und Geburt zu erholen. Eine gute Unterstützung und ein tragendes Netzwerk machen dabei den entscheidenden Unterschied, wie gut wir im neuen Alltag ankommen.
In vielen Ländern hat diese besondere Zeit einen festen Platz in der Gesellschaft:
• In Vietnam spricht man vom Sitting in the Nest,
• in Indien vom Sacred Window,
• und in China vom Golden Month.
Im Gegensatz zu dieser Wertschätzung scheint es hierzulande jedoch oft noch immer darum zu gehen, möglichst schnell wieder zu „funktionieren“. Dabei zeigt ein Blick in andere Kulturen, wie tief die Bedeutung des Wochenbetts dort verankert ist.
In China etwa nennt man diese Zeit Zuo yuezi. Sie dauert rund 40 Tage, in denen die Mutter mit warmen Suppen, Tee und nahrhaften Eintöpfen versorgt wird. Sie soll sich um nichts anderes kümmern müssen als um ihre Erholung.
Auch in Mexiko gibt es eine ähnliche Tradition. Das Wort cuarentena – abgeleitet von „vierzig Tage“ – deutet bereits an, dass es um Entlastung und Fürsorge geht. Frauen werden in dieser Phase liebevoll von weiblichen Familienmitgliedern umsorgt.
Allen Kulturen ist eines gemeinsam: Es braucht Zeit, Ruhe, Liebe und Unterstützung, um als Familie anzukommen und eine neue Balance zu finden.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt das Wochenbett als eine der verletzlichsten Phasen im Leben einer Frau – eine Zeit des Übergangs, des Neubeginns, körperlich wie emotional. Sie verdient Aufmerksamkeit, Fürsorge und Schutz.
Aus meiner Erfahrung als Physiotherapeutin und Doula kann ich sagen: Eine gute Vorbereitung auf die Zeit nach der Geburt ist mindestens so wichtig wie die Vorbereitung auf die Geburt selbst. Wenn wir das Wochenbett ernst nehmen und ihm wieder mehr Bedeutung schenken, kann es zum Fundament für das gesamte Familienleben werden. Denn wie eine Mutter sich in dieser Zeit fühlt, beeinflusst ihre Heilung, die Beziehung zu ihrem Kind und das gesamte Familiensystem.
Hierzulande fehlt es jedoch oft an Strukturen, die diese Phase tragen – nicht, weil Menschen nicht helfen wollen, sondern weil das Bewusstsein dafür verloren gegangen ist. Stattdessen wird häufig erwartet, dass Mütter schnell wieder „auf die Beine kommen“, Besuch empfangen, den Alltag meistern und dabei lächeln. Doch Heilung braucht Zeit.
In vielen Kulturen ist es selbstverständlich, dass eine Frau nach der Geburt mehrere Wochen lang umsorgt wird – nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit. Diese Fürsorge ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Wertschätzung für den tiefgreifenden Wandel, der mit einer Geburt einhergeht.
Vielleicht dürfen wir auch hier wieder lernen, diese besondere Zeit zu ehren – mit kleinen Ritualen, achtsamer Begleitung, warmen Mahlzeiten, helfenden Händen und dem Bewusstsein, dass Ruhe und Fürsorge keine Rückschritte sind, sondern die Grundlage für Stärke und Verbindung.
Gerade für alle, denen es schwerfällt, Hilfe anzunehmen, darf ein Gedanke tröstlich sein:
Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, eine Last zu sein.
Im Gegenteil – Studien zeigen, dass Helfen auch den Helfenden guttut. Altruistisches Verhalten aktiviert in unserem Gehirn dieselben Bereiche, die mit Freude und Zugehörigkeit verbunden sind. Es senkt Stress, fördert positive Emotionen und kann sogar das Immunsystem stärken.
Indem du Unterstützung annimmst, schenkst du also auch anderen die Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu tun, Nähe zu erleben und Verbundenheit zu spüren. Es ist ein Geben und Nehmen, das beide Seiten stärkt.
Neben der Hilfe durch Freund:innen, Nachbar:innen und Familie gibt es auch wertvolle professionelle Unterstützung – etwa durch Doulas oder Mütterpflegerinnen, die genau dafür da sind, diese sensible Zeit zu begleiten.
Das Wochenbett ist mehr als nur die Zeit nach der Geburt.
Mutter zu werden ist kein Moment, sondern ein Prozess – ein Kennenlernen, ein Werden und Wachsen.
Es endet nicht mit der Geburt, sondern beginnt mit ihr.
Über Annika Winn
Physiotherapeutin für Frauen, Doula und Mutter von zwei Kindern. In ihrer Praxis und online begleitet sie Frauen einfühlsam in der Schwangerschaft , im Wochenbett und darüber hinaus.
@becomemom.annika
www.becomemom.de
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